Harum Scarum
Ich hatte mich mit zwei Gitarristen zusammengetan, damals, im Sommer 91, mit Andy Wenk und einem Typen der sich Schumi nannte. Wir traten ein paar mal im Podium auf, einer berüchtigten Kellerbar in Schwetzingen, ohne Fenster, dafür mit reichlich zwielichtigen Gestalten und einer farbigen Schönheit namens Betty als Landlady.
Ich kann heute nicht mehr sagen ob Schumi aus freien Stücken ging oder ob wir ihn feuerten, jedenfalls spielten wir lausig und ich hatte von einem Typen gehört der Gitarre spielte, sang und gerne irgendwo mitmachen würde. Ich kannte ihn nur flüchtig, er hieß Ivo. Ich rief ihn an und es wurde eine erste Probe in Mama Wenk's Puppenkeller vereinbart. Wir saßen da und wussten nichts so recht miteinander anzufangen und so beschränkte sich diese Session auf einige erste gemeinsame Gehversuche zu den Akkorden von Nowhere man. Wir beschlossen uns wiederzusehen und bald organisierte Andy unseren ersten Proberaum. Es war das Vereinsheim eines Motorradclubs, dessen Präsi der Bruder von George, unserem späteren Schlagzeuger war. Wir teilten dieses Loch zunächst mit einer Kapelle namens So what ,wo George damals trommelte. Das Gelände bestand im wesentlichen aus einer alten Holzbaracke, mehreren als Pissoirs missbrauchten Autowracks, einem riesigen Berg geklauter Europaletten zum Verfeuern und etlichen Zentnern Altmetall in Form von geleerten Bierdosen. Der Raum wurde mittels eines alten, qualmenden Kohleofens geheizt und mehrfach von der Drogenfahndung heimgesucht. Im Winter saßen wir mit hitzeroten Gesichtern und Eisfüßen da und der Ofen bescherte uns regelmäßig Hustenattacken. Trotzdem waren wir froh, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben und trotz unseres harmlosen Erscheinens von den Rockern keine Haue zu bekommen. Der erste Auftritt wieder zu dritt - fortan nannten wir uns Harum Scarum - war im Dezember1992. Im Plankstädter Cafe 2000 durften wir unser Coverprogramm ( Wir spielten Beatles, Kansas, Cat Stevens, Neil Young, sogar U2 ) aus drei Gitarren und sowie Ivo's und meiner Stimme vor vollem Haus und mit dem gesamten Eintrittsgeld als Gage vorstellen, was selbst Ivo, den auf der Bühne auch heute noch hartnäckigen Selbstzweifler etwas entspannte.
1993
Es folgte ein unerwartet erfolgreiches Jahr 1993, mit umjubelten Auftritten in Kneipen und Clubs im Rhein-Neckar-Raum. Ivo und ich schrieben unsere ersten Songs, wohl noch mit holprigen englischen Texten versehen, rückblickend jedoch nicht ohne Originalität und Charme. Es entstanden Lieder wie The Garden, music in my night, oder Ivo's Not my day, welches-wiederentdeckt und neu aufgelegt-den bisher größten Hit der Woodheads darstellt. Ebenfalls 1993 holten wir unseren Kumpel Stefan Junker alias Junkie als Livemixer ins Boot, was uns wöchentlich 2-3 Hochtöner kostete. Ebenfalls mein Verschleiß an Gitarrensaiten war in dieser Zeit immens. Großzügige Gönner spendierten jedoch bald eine kleine PA, und Andy stellte unserem Hauptsponsor Werner D. aus P. als Akt grenzenloser Dankbarkeit und Loyalität eine aufwendig gestaltete Harum Scarum- Dauerkarte auf Lebenszeit aus, von der dieser regen Gebrauch machte. Fortan wurden wir als "seine Jungens" vorgeführt. Im September '93 folgten zwei Auftritte im Ruhrgebiet, der Einstieg der jungen (Background-)Sängerin Ilonka Rüttinger und die Aufnahme eines ersten Demobandes im Heidelberger Studio von Hanno Giullini, einem dreifingrigen Gitarristen, der unsere weitere Laufbahn bald erheblich beeinflussen sollte.
Ich kann nicht mehr sagen, weshalb wir den Proberaum wechselten, kann sein dass das Dach einstürzte, der Laden abbrannte oder die Kripo dem Elend ein Ende setzte, jedenfalls traf man sich fortan in den Junker'schen Kellergewölben in der Schwetzinger Froschgasse, wo Junkie sich des öfteren mit Kumpels zum Dauersaufen verschanzte.
Im Spätjahr spielten wir erstmals im Grünen Baum, einer weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten und begehrten Adresse für Live-acts. Die Wirte hießen Harald und Uwe und besonders Letzterer war als Musikliebhaber und Zahler fairer Gagen allseits beliebt. Der unerwartet schnelle Erfolg lies uns bald von Plattenverträgen und Fußballstadien träumen. Die Lokalpresse berichtete regelmäßig, es hagelte Lob und positive Kritik, wenn auch der Bandname nie korrekt geschrieben war. Die Varianten reichten von Hermann Scarum über haarig Sakrum bis Harum Scharaum.
Rad Roof Music
Im Frühjahr 94 stieg Andy überraschend aus. Sein Plan war es, nach einem Jahr in Hamburg zurückzukehren und weiterzumachen, ein Plan, der bei uns auf wenig Begeisterung stieß. Wir beschlossen, unsere Kapelle um Bass und Schlagzeug sowie eine dritte (!) Gitarre zu erweitern. Es stiegen ein :
Georg Schindler ( dr. ) Ralf Finzer ( bass ) und Christoph M. Maier ( git ), bekannt für seine bis ins Detail ausgefeilten High-Speed-Soli. Er legte immer großen Wert auf das M in seinem Namen und es wurde viel spekuliert wofür es steht. Zum Ausdruck seiner Individualität ragte eine einzelne Kotelette-bisweilen flippig gefärbt-in seine rechte Gesichtshälfte. Aus Platzgründen wurde der Proberaum in den Keller von Papa Maier's Büro-Haus in Oftersheim verlegt. Wir spielten ein oder zwei mal in dieser Besetzung, bis Ralf nach wenigen Wochen auch schon wieder ging. Als Betreiber eines renomierten Lichtspielhauses blieb ihm wenig Zeit für Sex & Drugs & Rock'n Roll. In dieser Zeit entstanden Songs wie Nothing's forever, Armageddon, No prince among the frogs und Mankind, euch allen bekannt aus dieser Webseite.
Es kam ein Anruf aus Hamburg, Andy hatte eine Anfrage vom Süddeutschen Rundfunk!
Ausgerechnet bei Andy klingelten die an! Bei Axel Naumer's Zungenschlag-einer Talkshow mit prominenten Gästen und Radioaufzeichnung-sollten wir für 'ne verhinderte Band einspringen. Hanno Giullini hatte uns da wohl eindringlich weiterempfohlen. Andy war Feuer und Flamme, er schlug vor heimkommen und das Ding mit uns spielen. Wir lehnten ab. Seine Enttäuschung muss maßlos gewesen sein, aber was sollten wir tun? Er selbst hatte neue Fakten geschaffen und schließlich sollte er bald selbst verschiedenen Hamburger Rockbands (Mad Rooster, Skeletor)zum Erfolg verhelfen. Ivo nahm Kontakt mit dem SDR auf und machte den Auftritt klar. Kurzfristig wurde Ralf Finzer reanimiert, was nicht ganz leicht war. Wir waren also komplett und am 13. Juni 1994 spielten wir im ausverkauften Theater des Augustinum, eines Heidelberger Altenheims, und erhielten neben einer ansehnlichen Gage professionelle Mitschnitte unserer drei Songs Mankind, Armageddon und Nothing's forever (letzteres leider nur als Schlusssequenz, Junkie, der mit im Ü-Wagen saß hatte vergessen den Aufnahmeknopf zu drücken). Der Verlust unseres virtuosen Bassisten Finzer wurde durch den begabten jungen Musiker Armin Dörfert (damals Joe Fames Band, heute Groove-Guerilla ) bald kompensiert. Er war vor allem am Zusammenspiel mit George interessiert, einem in der Tat bemerkenswerten Drummer. Annähernd zur Rockband mutiert folgten weitere Clubauftritte, unser Publikum wuchs und Ilonka avancierte bald zum Star der Truppe. Auf der Suche nach der passenden Kategorie für unsere Musik kreierte Christoph M das Schlagwort Rad Roof Music. Der Versuch, uns den Sinn dieser brillanten Wortschöpfung näher zubringen schlug jedoch fehl.
Im Frühjahr '95 gingen George und Christoph.. Es musste also dringend ein neuer Drummer her und was die Sache nicht gerade leicht machte: Er sollte den Fußstapfen seines Vorgängers gerecht werden. Wunschkandidat Pit Goss (letztendlich doch Woodhead), lehnte jedoch, gebunden an eine Vielzahl erfolgversprechender Projekte lapidar ab. Es kam Steffen Hardung, (ehemals Allying Cry) der über einen riesigen Proberaum mit tausend leeren Bierflaschen im Keller einer Schule verfügte (da lief wohl irgend ein schräger Deal mit dem Hausmeister). Auf die Neubesetzung des Solo-Gitarrenparts wurde verzichtet. 1996 begann die heitere Fassade allmählich zu bröckeln. Mehrere Gigs waren als Misserfolge zu verbuchen, was im St. Leoner Open Air '96 gipfelte. Exklusiv für diesen Termin wurde Jota ( gesprochen Jota, " nicht Schota, denn das heißt Schlange), nach eigenen Angaben einer der besten sieben "Percuzionisten" der Welt, verpflichtet. Genervt wovon auch immer stand er jedoch unvermittelt mitten im Song auf und verlies zu unser aller Entsetzen die Bühne, worauf die Show vollends den Bach runterging.
Armageddon
Im Herbst 96 zogen wir dank Armin's Überzeugungskünsten und der hervorragenden Demoaufnahmen vom SDR ein Engagement im Hockenheimer Pumpwerk an Land. Der Club war unter Bands bereits damals eine heiß begehrte Adresse und dort zu spielen war schon was besonderes, das wurde nicht jedem zuteil. Haken an der Sache : Armin, gerade in einer Phase der Selbstfindung und Bewusstseinserweiterung flippte kurz vor Tag X nach Poona oder so, um nach sechs Wochen erleuchtet, mit gereinigtem Geist unter sonnengebleichten Rasta-Locken zurückzukehren. Wir sagten ab und Traum vom Pumpwerk war vorerst geplatzt. Es herrschte ohnehin Endzeitstimmung. Die düsteren Zukunftsvisionen des Ivo Bährle schienen sich zu bewahrheiten als unverhofft eine Anfrage von Uwe kam. Der musste hierfür weiß Gott nicht das Telefon bemühen, denn den Großteil meines bisherigen Lebens verbrachte ich im Grünen Baum. Er bot uns an Sylvester in seinem Schuppen zu spielen und ich ahnte, dass es das letzte mal sein würde. Die gebotene Rekordgage erlaubte die Reanimation von George, (Steffen wurde kurz zuvor brüsk von seinem Ausscheiden unterrichtet), und in den frühen Morgenstunden des Neujahrstages 1997 verklangen die letzten Takte von Harum Scarum im dichten Schneegestöber.
Alone again
Wieder alleine stand außer Frage, dass ich weitermachen würde. Die kommenden Jahre waren die bislang kreativsten meines Lebens. Neben einer Vielzahl von bis heute unvollendeten Liedfragmenten entstanden ca.30 fertigen Songs, von denen ich-dank meines großzügigen Sponsors Uwe Schweizer-acht auf meiner Solo-CD Nights at the fire veröffentlichte. Der Titelsong war als Homage an meine KJG-Jugendzeit gedacht (KJG = Kampftrinker von Jesu Gnaden, wie ein Schreiber den Verein einst scherzhaft betitelte), wo mich seinerzeit als Zehnjährigen der Klang der Gitarren am Feuer unter grandiosem Sternenhimmel derart fasziniert hatte, dass mir keine Wahl blieb als Klampfe zu lernen. Mit der CD Im Gepäck jedoch nur mäßigem Erfolg trat ich in Clubs, Irish Pubs und auf privaten Feiern auf, bis eines Abends beim Bier mit Matthias Schäuble plötzlich Uli Fichtner-seines Zeichens Keyboarder- im Blauen Loch aufkreuzte, sich zu uns gesellte und berichtete, dass er und seine Combo auf der Suche nach einem Sänger waren. Die Aufzählung der Bandmitglieder lies mich aufhorchen, saß doch am Schlagzeug kein geringerer als Pit Goss. Ich kannte ihn als feste Größe der Szene, die Liste seiner Stationen scheint endlos und doch war mir seine wahre Klasse als Drummer bis dahin nicht bewusst.
Holzköpfe
Ich stieg spontan ein. Es wurde viel gejamt, nicht gerade eine meiner Stärken und nach einem Jahr luden wir zu einem heiteren Sommerfest in Uli's Garten und jamten ( alles was Rang und Namen hatte jamte mit) bis die Bullen kamen. Bald danach verlies ich die Jungs. Mit Pit hielt ich weiter Kontakt und ich suchte nach Wegen ihn für meine Musik zu gewinnen. Auch den Kontakt zu Ivo und Armin hatte ich nie verloren. Wir trafen uns einmal pro Woche zum Kartenspielen. Armin war inzwischen mit Groove-Guerilla erfolgreich unterwegs während Ivo, dessen Gitarre seit Jahren am Nagel hing nichts zu vermissen schien. Seine Wiederbelebung war dringend geboten und es gelang mir schließlich, ihn im Oktober 2004 zu einem Auftritt zu zweit als Duo Two Tunes im Grünen Baum zu bewegen. Auch Pit lies sich überzeugen, was sich allerdings als hartes Stück Arbeit erwies und mich jede Menge Bier kostete. Am 8. Mai 2005 kam unser erster gemeinsamer Gig als Duo Auer und Goss auf einer Mannheimer Veranstaltung anlässlich des 60 - jährigen Kriegsendes zu Stande. Danach probten wir zu dritt in Pit's Küche, und der Funke zündete sofort. Nelly, ein bekannter Schwetzinger "Trummler" bot uns an seinen Proberaum mitzubenutzen und Christian der Hausbesitzer versorgte uns mit reichlich Bier. Nun fehlte nur noch der Bass und es gelang uns diesen Part mit einem alten Bekannten zu besetzen: Ralf Finzer. Mit ihm war der vierte Woodhead gefunden.
Der Schimmelbefall von Christians Katakomben zwang Mensch und Technik jedoch bald in die Knie und so zogen wir zu Pit nach Hause. In unserer neuen Umgebung basteln wir eifrig an altem & neuen Material und keiner vermag zu sagen, was noch alles geschehen wird ...